Die Wissenschaft vom Spazierengehen

Promenadologie. Das ist kein Wort, über das man mal eben hinwegliest. Man sollte sich schon ein wenig Zeit für es nehmen, den Begriff wie eine Skulptur von allen Seiten betrachten. Der Genuss liegt darin, das Wort Silbe für Silbe beziehungsweise Schritt für Schritt zu erfassen, es zu entdecken. Dann nämlich wird einem plötzlich bewusst, dass man mittendrin ist, in der Wissenschaft vom Spazierengehen.

Zwei Menschen auf einer Brücke bei Sonnenuntergang
Foto: © Heike Stommel, Bonn

Der Artikel „Unterwegs mit Erkenntnisgewinn“ im Deutschen Architektenblatt beschreibt sehr gut, um was es bei der Promenadologie geht. Im Interview mit der Autorin Cornelia Dörries berichtet der Landschaftsplaner Bertram Weisshaar – einer der bekanntesten Spaziergangswissenschaftler – wie sich im Gehen neue Perspektiven erschließen.

Eines von zwei Erlebnissen, warum Weisshaar selbst zum Promenadologen wurde, beschreibt er im Interview:

… Zum einen war es ein Spaziergang mit Lucius Burckhardt durch den Park Wilhelmshöhe in Kassel, bei dem er uns Studienanfängern sagte: „Landschaft gibt es gar nicht.“ Das erschien mir ungeheuerlich, denn ich war ja inmitten von Landschaft. Und die sollte es nicht geben? Er machte uns klar, dass die Bäume und Pflanzen natürlich existieren, doch das, was wir als Landschaft beschreiben, ein Bild, eine Konstruktion ist, eine kulturelle Erfindung. Diese Erkenntnis gehört zu den Grundannahmen der Disziplin: Eine Landschaft entsteht im Kopf und kann im Kopf auch verändert werden. …

Ich bin keine Landschaftsplanerin. Weil ich den Ansatz aber absolut spannend finde, habe ich mir vorgenommen, diese Art des Gehens selbst auszuprobieren. Frei nach Jean-Paul Sartres „engagierter Erkenntnis“ werde ich sie erweitern um das Stehenbleiben, Sitzen und Liegen. Und hoffen, dass ich durch das existenzielle „Drin-Stehen“ oder „Drin-Sein“ mehr ver-stehe und die  An-Sicht zur Ein-Sicht wird.

Übrigens: Praktisches aus der Welt der Promenadologie veröffentlicht Weisshaar in seinem Blog spaziergangswissenschaft.de. Sein „Atelier LATENT“ beschäftigt sich in erster Linie mit Spaziergangsforschung und Fotografie. Hier gibt es auch die TALK WALKs Audio, mit denen man aufgezeichnete Informationen und Gespräche über die aufgesuchten Orte anhören kann. Nicht ganz so spannend zum einfachen Reinhören. Aber sie sind ja auch nicht für den Büroraum gemacht, sondern fürs Nachhören und vor allem fürs NachGEHEN.

Und weil’s so schön ist, zum Schluss noch das englische Wort für die Spaziergangswissenschaft: „strollology“ 🙂 sowie ein Link auf die Promenadologie bei Wikipedia.

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